Und, hat’s funktioniert? Liest du, weil der Titel es fordert? Oder liest du, weil du uns im RSS Reader hast? Liest du, weil es dir langweilig ist oder der Titel billig ist, weil du denkst, dass dieser Artikel sicherlich schlecht sein wird und du dich davon überzeugen musst? Gut, es reicht. Lies einfach weiter.
Gratuliere, du liest immer noch, obwohl du eine riesige Textwüste vor dir siehst. Bei wievielen Artikeln hast du aber schon nach dem ersten Absatz aufgegeben? Wieviele interessante Artikel hast du wohl schon verpasst, nur weil dessen Länge dich abgeschreckt hat? Wahrscheinlich unzählige. Ich wette sogar, dass du mehr Boulevard gelesen hast als Lesenwertes wie (hoffentlich) diesen Beitrag. Und ich wette, dass du dich trotzdem an mehr Artikel außerhalb von schlechten Tageszeitungen erinnern kannst. Ganz einfach darum, weil sie etwas Wichtiges zu erzählen haben, abseits der unendlichen Belanglosigkeit und Pseudounterhaltung.
Das Problem liegt ganz einfach darin, dass wir alle von Grund auf faul sind. Wir greifen im Zug lieber zur Billigzeitung als zu einem anstrengenden, aber guten Buch, das uns einiges zu lehren vermögte. Wir lassen uns lieber von einer Bilderflut und kurzen, uninformativen, unrecherchierten Texten manipulieren, als einen Artikel über 2-3 Seiten oder gar mehr zu lesen. Für uns Gamer heisst das: wir lesen lieber in der GamePro als in der GEE, oder rühmen uns zwar, auf eurogamer.de zu lesen, überspringen aber die 2-3 Seiten Review und gehen direkt zum Fazit über.
Ich möchte nicht respektlos wirken und meine Aussage ein klein wenig präzisieren. Die GamePro wie auch Games Aktuell und so ziemlich alle Printmagazine Deutschlands sind keinenfalls auf dem Niveau der Boulevard. Ich werfe diesen Zeitschriften auch keine Unseriösitäten oder schlechte Recherchen vor. Ich werfe ihnen aber vor, wenig Mut zu einer eigenen Meinung zu haben, somit Texte zu veröffentlichen, die zu lesen es nicht wert sind. Hinzu kommt ein Design, das vor allem darauf ausgerichtet ist, am Kiosk aufzufallen. Einen Text liest man des Textes und nicht der Bilder drumrum wegen.
Bezüglich den Rubriken sollten die Printmagazine endlich einen grösseren Unterschied zwischen Preview und Review machen. Ein Review soll nicht noch einmal die pure Mechanik, das Gameplay bis zum Erbrechen erklären. Natürlich ist es unerlässlich, etwas über die Spielmechanik zu sagen. Aber genauso unerlässlich sollte es sein, seine eigene Meinung kundzutun. Diese und nichts Anderes ist es, was den Text lesenswert macht. Wie das Spiel funktioniert, kann ich auch auf der offiziellen Homepage oder in einem Preview nachlesen. Und mit einer eigenen Meinung meine ich nicht den kleinen Fazitkasten oder eine x-beliebige Prozentzahl, die am Ende des Textes dermassen hervorgehoben wird, dass man das Gefühl bekommt, nur diese und nicht der Text sei wichtig.
Ich möchte gerne eine Analogie anführen, die zeigen sollte, warum die eigene Meinung in einem Review derart wichtig ist bzw. sein sollte. Viele von euch werden schon mal eine Buchkritik gelesen haben. Was ihr darin gelesen haben werdet, ist nicht, wieviele Wörter das Buch hat, ob sich darin Orthographiefehler befinden, wer die einzelnen Figuren sind und was geschehen wird. Neben einem kurzem Abriss über die Geschichte werdet ihr vor allem eine eigene Interpretation des Kritikers gelesen haben, seine Eindrücke darüber, ob das Geschriebene konsistent ist, ob er sich unterhalten hat und was die Stärken des Buches seiner Meinung nach sind.
Und was machen die Game-Reviewer? Sie erzählen mir von Bugs, suchen kleine Negativpunkte, um einige Prozente abziehen zu können (da ein Spiel ja nicht perfekt sein kann…), spoilern ganze Teile aus dem Spiel, sagen mir, mit welchem Knopf welche Aktion ausgeführt werden kann und informieren mich falsch darüber, wie lange das Spiel dauert (ich erinnere mich an die 100 Stunden in Twilight Princess oder die 10-12 Stunden in Gears of War, welche beide selbst für Anfänger lächerlich hoch sind). Was ich dann nicht weiss, ist, ob mir das Spiel Spass machen könnte.
Erzählt mir ein Spieletester hingegen von seinen eigenen Spieleindrücken, gibt seine eigene Meinung preis, dann kann ich viel eher einen Eindruck über das Spiel gewinnen und selbst wenn ich nicht derselben Meinung bin, kann ich beurteilen, ob das Spiel etwas für mich ist oder nicht. Lamentiert ein Reviewer zum Beispiel darüber, dass er in NIER durch das simple Kampfsystem notorisch unterfordert war und er überhaupt keinen Zugang zum Spiel gefunden hat, weil für ihn das Gameplay das wichtigste ist, kann ich mir immer noch sagen, dass das für mich keine Rolle spielt und mir NIER bestimmt gefallen wird, weil der Reviewer von tiefgründigen Figuren erzählt.
Wichtig ist, dass die eigene Meinung begründet ist. Der Leser muss dann selber abwägen, was er wie gewichtet. Ich würde sogar sagen, dass es durchaus legitim ist, ein Mafia mit 4/10 oder ein Final Fantasy XIII mit 5/10 zu bewerten. Ersteres hat sich eurogamer.net gewagt und obwohl ich Mafia für ein Meisterwerk halte, finde ich die Kritik okay. Sie artet nie in unbegründetes, kindisches Runtermachen aus, sondern gewichtet die “Negativpunkte” von Mafia sehr stark. Dem Reviewer wäre es nun einmal wichtig gewesen, dass Mafia ähnliche Möglichkeiten wie GTA bietet und das ist okay, weil er es begründet. Und die EDGE kommt nicht damit klar, dass Final Fantasy XIII arg linear und zu lange zu simpel (auch im Kampfsystem) gestrickt ist. Sie schwärmen von den Spielstunden nach dem grotesk zähen Einstieg (20+ Stunden Langeweile, bis es losgeht), doch gewichten sie den Einstieg derart stark, dass es schlussendlich nur zu einer 5/10 gereicht hat. Andere werden sagen, dass ihnen ein anfangs simples Kampfsystem und die Linearität nichts ausmacht, dass sie von der Story von Anfang an derart in den Bann gezogen wurden, dass das Spiel mindestens eine 9/10 verdient haben muss. Beide Meinungen sind durchaus berechtigt.
Der Leser allerdings sieht nur die 4/10 bzw. 5/10 und moniert, dass die EDGE mal wieder völlig übertreibe und dass die Typen sowieso keine Ahnung haben. Er regt sich auf, ohne sich informiert zu haben, weil eine verdammte Zahl in der Welt der Games wichtiger zu sein scheint als 1000 Wörter. Wer sich hingegen die Zeit genommen hat, das Review der EDGE zu lesen, wird vielleicht sagen, selbst nach dem Text sollte es mindestens eine 6/10 sein und auch dann bin ich nicht einverstanden, aber er hat die lesenswerte, begründete Meinung der EDGE gelesen und wird sich ein Bild über das Spiel machen können. Die Mehrheit, die der EDGE Unkenntnis vorwirft, wird ihren Text aber nicht gelesen haben.
Eigentlich müsste ein Review noch über die Meinung des Kritikers hinausgehen. Warum ist noch kaum jemand auf die Idee gekommen, ein Spiel zu interpretieren? Bei Büchern ist das Usus. Man fragt sich, was der Autor aussagen wollte. Warum fragt man sich nicht mal, was die Entwickler uns Gamer mitteilen wollten? Was zum Beispiel sollte die kontrovers diskutierte Flughafenmission in Modern Warfare 2? Unser Kollege von PixelBrunch ist eine der wenigen, der in diese Richtung geht und uns mit seiner Interpretation der Credits von Modern Warfare 2 zeigt, dass es sein könnte, dass Infinity Ward schlicht sagen wollte: “Es ist nur ein Spiel. Nichts ist echt. Alles ist gestellt, geschauspielert und nachgebaut. Die vergangenen zehn Stunden waren nichts weiter als eine große Illusion. Eine Illusion, die den Zuschauer unterhalten und im besten Fall dazu anregen soll, das Gesehene zu reflektieren, darüber nachzudenken und sich eine Meinung zu bilden.” (Felix Kothe)
Ich bin nicht derselben Meinung, gebühre Felix aber grossen Respekt, dass er zu dieser Erkenntnis gelangt ist. Während traurigerweise der Grossteil der Fachpresse noch nicht einmal so weit ist, eine eigene Meinung in den Mittelpunkt eines Reviews zu stellen und die lächerlichen Prozentwertungen oder gar jegliche Wertung abzuschaffen (ein Thema für sich – die GEE ist hier übrigens grosses Vorbild), geht Felix Kothe noch einmal einen Schritt weiter und liefert Interpretationen (wie beispielsweise auch telepolis), regt den Leser zum Nachdenken an und verweist auf Bezüge ausserhalb der Welt der Games hin – so wie man ein Buch soziokulturell oder psychoanalytisch analysieren kann.
Ziehen wir ein Fazit: Ein Text ist erst dann lesenswert, wenn er über kurze Informationshappen, nichtsaussagende Schlagzeilen und -wörter hinausgeht, wenn der Schreiber seine eigene Meinung kundtut und sie zu begründen weiss. Und trotzdem wird eine breite Leserschaft weiterhin sagen, dass sie keine Zeit und keine Lust hat, um all diese lesenswerten, langen Texte zu lesen und damit genau das unterstützt, was Redakteuere reviewtechnisch verbrechen.
Dieser Beitrag ist ein Gastbeitrag von Lee. Lee spielt und schreibt fürs alternative Spielemagazin Freaks On Sofa (www.freaks-on-sofa.org).